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Operette
Gesamtkunstwerk mit Volkstanz

 

Für die Komponisten nur "Komische Oper": Die Operette

Mit "Die schöne Helena" findet er seine Traumbesetzung: Jacques Offenbach schafft seit den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts Musterwerke der "Opéra Bouffe". In Wien erhält sie von den Verlegern den Namen "Operette". Franz von Suppé und Johann Strauß (Sohn) lassen ihre Figuren den Walzer tanzen und feiern Erfolge. Die Berliner um Paul Lincke spielen lieber den Marsch, wenn sie Operetten komponieren.

So scharf wie er die politischen Verhältnisse seines Landes attackiert, so gestochen rhythmisiert Jacques Offenbach auch seine Kompositionen. Am 5. Juli 1855 gründet der 1819 als Sohn eines jüdischen Kantors geborene Offenbach ein eigenes, kleines Theater. Nach der Bezeichnung für seine eigenen Werke, "Opéra Bouffe", nennt der Einwanderer aus Köln die Bühne "Les Bouffes Parisiens". Dort entstehen bis zum Ende der Bühne 1865 etliche "Komische Opern", wie "Opéra Bouffe" zu deutsch heisst.

Satirische Überzeichnung

Sie alle zeichnen sich aus durch die satirische Überzeichnung von Charakteren der Zeit unter Napoleon III. Unter dem Begriff "Offenbachiade" bürgert sich sogar ein Wort für die Vorliebe des Komponisten ein, die Handlung in der antiken Sagenwelt spielen zu lassen. So karikiert Offenbach seinen Regenten und das Britische Empire gleichermaßen in Die schöne Helena. Obendrein ein Schlüsselwerk Offenbachs, da er für die Uraufführung endlich seine Traumheldin findet: Hortense Schneider spielt seit diesem Jahr 1864 in seinen Produktionen die weibliche Hauptrolle.

Zu diesem Zeitpunkt ist Jacques Offenbach bereits ein Weltstar unter den Komponisten. Denn bereits im Jahr 1858 hat er die "Opéra Bouffe" par excellence geschaffen. Die Figuren in Orpheus in der Unterwelt sind mehr Karikatur denn Charakter, die Dialoge spritzig, das Geschehen artet in Tumulte und weitere Unübersichtlichkeiten aus. Und: Mit Cancan und Galopp lässt Offenbach seine Schauspieler populäre Tänze aufführen. Der wohl bekannteste Cancan bis heute ist der "Galop Infernal" aus eben jenem Werk.

Kanon der Jahrhundertwende

Auch in Wien entsteht in jenen Jahren aus den Traditionen von Vaudeville, Singspiel, Oper und dem Einfluss Offenbachs eine große Zeit der "Operette". Der Begriff wird dabei von den Verlegern geprägt. Sie hören in "Operette" die Leichtfüßigkeit mitschwingen, die einen Unterschied zur Oper ausmacht. Franz von Suppés "Das Pensionat" aus dem Jahr 1860 folgen bald schon die Zeiten der "Goldenen Operette". Während es die österreichischen Kollegen Offenbachs ziemlich gemächlich angehen, was politische Inhalte betrifft, so lernen sie doch etwas von Jacques Offenbach. Der populäreTanz gehört auch auf die Bühne!

Und davon gibt es in Wien einen, der alle Schichten der Bevölkerung begeistert. Johan Strauß (Vater) und Joseph Lanner haben bereits für unvergessliche Walzer gesorgt. Mit Johann Strauß (Sohn) aber wagt sich der "Walzerkönig" in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts an die Operette. Und schafft mit Die Fledermaus, Der Zigeunerbaron oder Eine Nacht in Venedig bis heute vielgespielte Werke. Komplettiert wird diese Glanzphase der Wiener Operette mit dem Komponisten Karl Millöcker.

Als die Jahrhunderte vom 19. zum 20. wechseln, entsteht abermals eine Vielzahl Wiener Bühnenwerke, die später in den Kanon der Operette eingehen. Carl Friedrich Zeller zählt mit seinem Vogelhändler aus dem Jahr 1891 dazu, ebenso wie Franz Lehár und sein Graf von Luxemburg im Jahr 1909. Neben dem Walzer finden nun auch neue Einflüsse Eingang in die Operette, etwa Motive russischer und chinesischer Musik, später auch Ragtime und Jazz.

Ihre letzte große Zeit erlebt die Operette schließlich in Berlin. Dabei spielt statt des Walzers der Marsch eine große Rolle. Der wohl bekannteste Komponist der Berliner Operette hegt eben seit Kindheitstaten ein Faible für Militärmusik: Paul Lincke. Zwei Gassenhauer Linckes stammen aus Operetten: Das ist die Berliner Luft aus Frau Luna, ursprünglich als Einakter geschrieben, 1904 zum Zweiakter ausgearbeitet. Und auch das Glühwürmchenidyll aus Lysistrata wird von ganz Berlin gepfiffen.

Neben Lincke sind es Jean Gilbert und Walter Kollo, die an Appollo-Theater und Metropol reüssieren. Gleichzeitig schreiben die Prominenten der Berliner Operette ein in der Handlung loseres Format, das in Berlin zunehmend die Operette in der Gunst des Publikums ablöst: Die Revue. Doch auch über der Revue schwebt noch der komische Geist des Jacques Offenbach.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Albert Lortzing, Albert Grisar, Louis Clapisson, Eduard Künneke, Victor Hollaender, Emmerich Kálmán,Leo Fall, Ralph Benatzky, Richard Heuberger

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Jacques Offenbach: Orpheus in der Unterwelt [1858]
Johann Strauß (Sohn): Die Fledermaus [1874]
Franz von Suppé: Boccaccio [1879]
Karl Millöcker: Der Bettelstudent [1882]
Carl Friedrich Zeller: Der Vogelhändler [1891]
Paul Lincke: Frau Luna [1904]
Franz Lehár: Der Graf von Luxemburg [1909]
Jean Gilbert: Puppchen [1912]