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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Turntablism
Der DJ als Künstler

 

Turntablism machte den Plattenaufleger zum Musiker

Mitte der 90er Jahre hatten die DJs genug von der Bevormundung durch die MCs und Rapper. Gegen die Inflation von DATs und anderen Geräuschkonserven im Hip Hop seit Ende der 80er schwangen sich Battle-Crews wie die Invisibl Skratch Piklz (mit Mixmaster Mike), die X-Ecutioners und die Beat Junkies auf. Eine musikalische Revolution.

Es ist eines der faszinierendsten Geräusche, das die Popmusik in den letzten 30 Jahren hervorgebracht hat. Dieses "zic-zic", wie Mixmaster Mike es nennt, hatte 1983 Legionen von Hip Hop-Kids einfach umgehauen. Herbie Hancocks "Rockit" ist das Stück, auf das sich heute alle wichtigen Turntable-Akrobaten beziehen; alle saßen sie damals vor dem Fernseher, schauten sich immer wieder dieses Video an und suchten nach den Ursachen dieses elektrifizierenden "zic-zic". Bis ihnen klar wurde, dass es Hancocks DJ Grandmixer DST war, der durch rhythmisches Bewegen der Platte gegen die Bewegung des Plattentellers dieses Stottern des Beats produzierte.

Grandmixer DST, der sich heute DXT nennt (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Rapper), hatte den "Scratch" zusammen mit Kool DJ Herc und Afrika Bambaataa in den frühen 80ern populär gemacht, die Erfindung dieser Technik geht jedoch weit zurück in die 70er. Die Legende besagt, dass der Teenager Theodore Livingstone Jr. beim Abspielen einer seiner Platten von seiner Mutter lautstark aufgefordert wurde, sofort seine Anlage leiser zu drehen. Um sie besser zu verstehen, stoppte er in die Platte im Lauf und fixierte sie immer wieder auf einer Stelle, wobei er ein markantes Kratzgeräusch produzierte. Fasziniert von den Möglichkeiten seines Plattenspielers arbeitete er weiter an der Technik und stellte sie schließlich im Rahmen seiner Parties mit Pionieren wie Grandmaster Flash öffentlich vor. Von diesem Zeitpunkt an nannte er sich Grandwizard Theodore.

In den 90ern rückte die Arbeit des DJs immer mehr aus dem Blickfeld. Viele Rapper ersetzen den DJ sogar durch ein DAT-Tape, was seinem Selbstverständnis hart zusetzte. Sie waren es, die in den Anfangstagen das Bild des Hip Hops geprägt hatten, als das Mikro, wie Grandwizard Theodore heute erzählt, höchstens dazu benutzt wurde, um Ansagen wie "Der Besitzer des roten Fords mit dem Kennzeichen XY soll doch bitte seinen Wagen von der Einfahrt entfernen" zu machen. Battle-Crews wie die X-Men (heute X-Ecutioners), die Invisibl Skratch Piklz und die Beat Junkies, proklamierten Mitte der 90er erstmals ein neues Selbstverständnis des DJs.

Sie nannten sich "Turntablist" und entwickelten aus den "Basic Moves" eine Vielzahl neuer komplexer Scratch-Techniken, die die klanglichen Möglichkeiten des Plattenspielers erweiterten (Regel 1: Das Genie des Turntablisten beginnt dort, wo die Gebrauchsanweisung deines Plattenspielers endet): von Baby Scratch, Forward und Transformer bis zu allen erdenklichen Variationen des Chirps, Flares, Scribbles und dem Beatjuggling. DJs wie Q-Bert, Mixmaster Mike (Skratch Piklz), Roc Raida, Steve D, Rob Swift (X-Men), Cut Chemist, Nu-Mark (Jurassic 5) oder DJ Craze (The Allies) haben die Techniken am Plattenspieler zur Kunstform erhoben und das Klangspektrum von Hip Hop weit aufgefächert.

Die X-Men-Nachfolger X-Ecutioners und die Skratch Piklz veränderten das Image des DJs maßgeblich. In ihren Gruppenkonstellationen begannen sie, nachdem die einzelnen Mitglieder bereits jeden Titel zwischen DMC- und ITF-Contests abgeräumt hatten, die klassische Bandformation zu imitieren. Jeder Turntablist übernahm an seinem Plattenspieler ein "Instrument" und interagierte wie in einer Band mit den anderen Mitgliedern. Q-Bert nannte diese Musik "Turntable Jazz". Die neue Bedeutung der Turntablists als Musiker zeigte sich schon am Erfolg der kalifornischen Old School-Truppe Jurassic 5. Ihre DJs Cut Chemist und Nu-Mark gehören immer noch zu den besten Turntablists. Die Beastie Boys waren schließlich die erste populäre Band, die mit Mixmaster Mike einen Turntablist als festes Mitglied aufnahm. Labels wie Bomb Hip Hop oder Asphodel haben mit ihren Veröffentlichungen wie der "Return of the DJ"-Reihe oder diversen Artist-Alben ebenfalls viel für die Popularität von Turntablism getan. Im Underground und unter DJs kursieren derweil weiterhin sogenannte "Battle Records": Vinyl-Compilations mit DJ-Tool-artigen Breaks von hochkarätigen DJs, wie z.B. die Dirtstyle-Platten, die inzwischen zum Repertoir eines jeden Turntablist gehören.

Weitere Meister dieser Strömung sind:
Funkmaster Flex, DJ Eddie Def, DJ Faust, Kid Koala, DJ Krush, Peanut Butter Wolf

Ein paar Alben mit Schlüsselqualitäten:
Herbie Hancock: Future Shocks [1983]
X-Ecutioners: X-Pressions [1997]
Kid Koala: Carpal Tunnel Syndrome [2000]
Phonopsychograph DISK: Ancient Thermits [1998]
Rob Swift: The Ablist [1999]
Afrika Bambaataa: Looking for the perfect Beat [2001]
Mixmaster Mike: Anti Theft Device [1998]
DJ Craze: The Nexxsound [2000]
Beastie Boys: Hello Nasty [1998]
Funkmaster Flex: The Mixtape Vol 1: 60 Minutes of Funk [1995]
DJ Faust: Man or Myth [1998]